Palazzo Chiesa: Erster Eindruck
In der Corso Venezia steht ein Gebäude, das wie aus einer anderen Stadt wirkt. Es ist der Palazzo Chiesa, Hausnummer 36: eklektische Fassade, dorischer Pronaos und ein Portal, das kaum zu übersehen ist. Nur wenige wissen, dass sich hinter diesen Fenstern ein Hof mit bemalten Decken und ein historischer Garten verbergen, in dem Flamingos leben. Der Gegensatz zum Mailänder Verkehr ist unmittelbar, fast unglaublich. Es ist einer dieser Orte, an denen man jahrelang vorbeigeht, ohne ihn zu beachten – bis man entdeckt, dass er während der Design Week seine Türen öffnet und man plötzlich eine Treppe aus rotem Verona-Marmor hinaufsteigt. Kurzum: kein gewöhnlicher Mailänder Palazzo.
Historische Hinweise
Die Geschichte beginnt Ende des 19. Jahrhunderts, als auf dem Gelände der Gärten eines Kapuzinerklosters – das von der österreichischen Regierung aufgehoben worden war – eine vornehme Residenz errichtet wurde. Das Projekt startete zwischen 1897 und 1899; der Stil ist ein von der genuesischen Renaissance inspirierter Eklektizismus. Der Palast nimmt den Jugendstil vorweg, bevor er auf der Internationalen Ausstellung von 1906 triumphierte. Im Laufe der Zeit hat er Marmor, Stuck, Glasfenster und Fresken bewahrt. Im Jahr 2023 wurde der Innenhof während der Design Week von Bentley Home in einen mediterranen Garten verwandelt. Hier sind die wichtigsten Etappen:
- 1897/1899 – Baubeginn auf dem Gelände des ehemaligen Klosters
- 1906 – bereits Vorläufer des Jugendstils
- 2023 – Installation von Bentley Home im Innenhof
Fassade und Pronaos: ein kleiner Theatercoup
Der Palazzo Chiesa steht da, der Eingang leicht nach links versetzt, und spielt mit den Blicken. Über dem Portal thront ein monumentaler dorischer Pronaos, der den Balkon des Piano Nobile trägt. Darüber eine Explosion von Dekorationen: Hermen, Maskerone, Pilaster, geschwungene und dreieckige Giebel. Manche würden es als überladen bezeichnen; ich finde es faszinierend, denn es verbindet Neoklassik, genuesischen Geschmack und eine Eleganz, die man heute nicht mehr findet. Das Schöne ist, dass man nicht hineingehen muss, um es zu genießen: Man muss nur auf dem Bürgersteig der Corso Venezia den Blick heben. Und wenn man einen Moment der Öffnung erwischt, sind die Innenräume die Überraschung.
Die Prunktreppe, der Garten und die Flamingos
Im Inneren ist das Highlight die Ehrentreppe: neobarock, aus rotem Verona-Marmor gehauen, scheint sie dafür gemacht zu sein, in eine andere Welt einzutreten. Ringsum Salons mit Marmor, Stuck und Glasfenstern, die einen zurückhaltenden, nicht protzigen Luxus erzählen. Dann gibt es den historischen Garten, eine grüne Ecke mit Blick auf die Via Cappuccini: einer der wenigen privaten Orte Mailands, an dem angeblich Flamingos gelebt haben. Während der Milano Design Week oder der Fashion Week öffnen sich diese Räume für die Öffentlichkeit, und es kommt vor, dass man zeitgenössische Installationen im Innenhof sieht, wie die mediterrane Vegetation, die 2023 von Paper Factor für Bentley Home gestaltet wurde.
Warum lohnt sich der Besuch?
Der Hauptgrund ist die Seltenheit: Es handelt sich nicht um ein Museum, sondern um eine private Residenz. Daher ist es eine Gelegenheit, die nur wenige Male im Jahr vorkommt. Nutzen Sie die Mailänder Designwoche oder die Fashion Week, um hineinzukommen, die Treppe aus rotem Marmor hinaufzusteigen und im Garten spazieren zu gehen. Zweiter Grund: Sie stehen vor einem Beispiel des Eklektizismus, das nur wenige kennen, nur einen Katzensprung von den Giardini Indro Montanelli entfernt. Drittens: Der Eintritt ist oft kostenlos, aber man muss sich anmelden. Kurzum, es ist der klassische ‘Wusstest du schon…?’, den man Freunden erzählt.
Wann man gehen sollte
Wenn Sie die volle Magie erleben möchten, wählen Sie einen Wochentag, wenn auf dem Corso Venezia weniger Verkehr herrscht und der Sonnenuntergang lange Schatten auf den Pronaos wirft. Alternativ lohnt sich ein Besuch an Veranstaltungstagen: Das natürliche Licht, das durch die Glasfenster und den Innenhof fällt, lässt das Treppenhaus noch wärmer erscheinen. Es kommt nicht auf einen bestimmten Monat an: Der Palast ist zu jeder Jahreszeit schön, aber der richtige Zeitpunkt ist der, an dem man ihn in Ruhe betrachten kann, vielleicht nach einem Spaziergang durch die Giardini Indro Montanelli. Abends hat die beleuchtete Fassade einen ganz eigenen Reiz, auch wenn das Innere dann geschlossen ist.
In der Umgebung
Nach dem Besuch machen Sie einen Spaziergang durch die Giardini Pubblici Indro Montanelli: Sie sind gleich um die Ecke und bieten eine grüne Pause im Chaos. Gehen Sie weiter zur Galleria d’Arte Moderna und zur Villa Reale: Der Weg ist angenehm und verbindet Kunst und Architektur. Wenn Sie Lust auf Shopping haben, ist das Quadrilatero della Moda gleich um die Ecke. Alles reale, nahe gelegene Orte, die einen Vormittag oder Nachmittag im Zeichen des Schönen abrunden.